Wenn der Rückfall kommt – wie gehe ich mit neuen Panikattacken um?

Panikattacken - RückschlägeWer sich auf dem Weg raus aus der Angst befindet, der wird trotz der sehr guten Therapierbarkeit früher oder später mit Rückschlägen konfrontiert. Bei mir war es nach dem zweiten Tag nach meiner Rückkehr in den Arbeitsalltag so weit. Unruhe, Schwindel, Fluchtreflex und so weiter – die üblichen Symptome einer Panikattacke eben. Ein Schritt zurück? Ja, natürlich. Aber keiner den man überbewerten darf.

Rückschläge sind normal, und kein Grund zur Verzweiflung

Natürlich stellt man sich die Frage warum es dem Verstand nicht gelingt die Oberhand zu gewinnen, obwohl man nach ausgiebiger Beschäftigung mit der Angststörung weiß, dass man objektiv nicht das geringste zu befürchten hat. Stimmt womöglich doch organisch etwas nicht? Schlägt die Hitze auf den Kreislauf durch? Riecht da nicht irgendwas komisch nach giftigen Ausdünstungen der Schreibtischs? Hat man vielleicht doch einen Hirntumor? Rennt man gleich schreiend wie ein durchgeknallter Minion über den Kudamm?

In der Regel – wenn man seinen Schreibtisch nicht als Direktimport für 3,50€ aus China bestellt hat – lassen sich die Fragen alle mit einem klaren Nein beantworten. Die Angst, die Symptome sind aber dennoch da, was soll man also tun? Es aushalten! Das klingt einfach und nach der Holzhammermethode, wie in Fällen in denen selbsternannte Experten bei Depressionen raten man müsse sich einfach nur zusammenreißen. Doch es ist eine unausweichliche Tatsache. Hat man mit besonders schweren Panikattacken zu kämpfen sollte man sich natürlich professionelle Hilfe suchen und wird dann in den meisten Fällen auch medikamentös unterstützt. Dennoch ist und bleibt die Konfrontation die Grundlage der Angsttherapie.

Angst akzeptieren, nicht verdrängen

Konfrontation bedeutet sich seinen Ängsten zu stellen, angstbesetzte Situationen und Orte bewusst aufzusuchen und die Ängste abzubauen indem man wieder und wieder die Erfahrung macht, dass nichts passiert. Vermeidungsverhalten und Flucht sind kurzfristig positiv – die Angst verschwindet. Langfristig ist beides fatal. Denn die Ängste sind ja nicht weg, man weicht ihnen nur aus. Das schränkt einen einerseits ein, weil man beispielsweise erst nur öffentliche Verkehrsmittel meidet, später dann öffentliche Plätze und irgendwann alle Situationen in denen man mit fremden Menschen zu tun hat. Andererseits sucht sich die Angst irgendwann Wege auszubrechen, was dann wie in meinem Fall dazu führen kann, dass man sich nicht einmal mehr alleine zuhause aufhalten kann.

Angsttherapie ist Persönlichkeitsentwicklung – Persönlichkeitsentwicklung braucht Zeit und Engagement

Zur Bewältigung von Panikattacken und Ängsten hat sich die Verhaltenstherapie als die erfolgreichste Therapieform erwiesen. Eine Verhaltenstherapie wiederum bedeutet mehr oder minder tiefgreifende Veränderungen bei seinen Gewohnheiten und seinen alltäglichen Verhaltensweisen vorzunehmen. Wie organisiere ich mich und meinen Alltag, wie gehe ich mit Stress und den Herausforderungen des privaten und beruflichen Alltags um, welche Verhaltensweisen und Gewohnheiten muss ich ablegen und durch neue ersetzen. Das ist nichts anderes als bewusste Persönlichkeitsentwicklung – weshalb ich zu eben diesem Thema künftig auch viel schreiben werde – und damit ein Prozess der nicht über Nacht geschieht sondern Zeit braucht.

Wie ich in einem anderen Blogbeitrag bereits schrieb ist es für Angstpatienten von entscheidender Bedeutung ihr allgemeines Stressniveau zu reduzieren. Nun ist Stress dummerweise nichts was man über Nacht los wäre. In meinem Fall muss ich beispielsweise meine gesamte Arbeitsorganisation überdenken und anpassen. Selbst wenn man hier größtes Engagement investiert dauert das seine Zeit. Kommen dann noch Stressoren dazu die man nur eingeschränkt beeinflussen kann, dann bleibt das Stressniveau trotz der Erkenntnis es absenken zu müssen zunächst unverändert hoch. Entsprechend können Angst und Panik durch relativ geringfügige zusätzliche Belastungen wieder aufkommen und einem das Leben schwer machen.

Fazit: Angst akzeptieren und zulassen

Was hilft also, wenn die Angst trotz aller Bemühungen wieder durchbricht? Erstens hält man sich immer und immer wieder vor Augen, dass einem nichts passieren wird. Ich habe im Rahmen eines Tagesklinikaufenhalts mehr als zwei Dutzend Angstpatienten kennengelernt, nicht wenige mit noch dramatisch heftigeren Attacken als ich sie hatte. Alle hatten eine Gemeinsamkeit: keinem ist je irgendetwas von dem was man sich ausgemalt hat passiert. Niemand ist je in Ohnmacht gefallen, niemand hatte einen Schlaganfall eine Herzattacke oder Atemnot, keiner ist je wahnsinnig geworden oder hat die Kontrolle verloren.

Die Ärzte und Psychologen mit denen ich zu tun hatte haben in ihrer gesamten Laufbahn nie erlebt, dass bei einem Angstpatienten eine von dessen Befürchtungen wahr geworden wäre. Also: es wird nichts passieren! Das muss man sich immer und immer wieder vor Augen halten. In akuten Situationen greift man auf Konzentrationslenkungstechniken wie die 5-4-3-2-1-Übung oder die Stadt-Land-Fluss-Technik zurück. Im Alltag bringt man Entspannungstechniken wie die Progressive Muskelentspannung unter und arbeitet an seiner Persönlichkeitsentwicklung. Befolgt man all das, dann muss man kein schlechtes Gewissen haben und kann die hin und wieder auftauchenden Symptome als das nehmen was sie sind: zeitlich begrenzte, unangenehme aber völlig ungefährliche Störungen. Und so wenig wie ein stolpern und hinfallen beim Marathon einen zurück in die Startzone führt, so wenig sorgen Rückschläge bei der Angsttherapie dafür dass man von vorne anfangen müsste. Von daher sollte man sich von Rückschlägen nicht all zu sehr runterziehen lassen, auch wenn es schwer fällt. Das führen eines Angsttagebuchs hilft einem die Rückfälle in die richtige Relation zu setzen und sich zu vergegenwärtigen welche Erfolge man erzielt, statt selektiv nur die negativen Erlebnisse wahrzunehmen.

In diesem Sinne: nie aufgeben!

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